Semantische Umweltverschmutzung ...

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Werner Petschko:

Sprachkritik
die Rettung vor semantischer Umweltverschmutzung

"Aus der bloßen Tatsache, daß jemand mit Leichtigkeit spricht, folgt durchaus noch nicht, daß er dies auch mit Verstand tut. Flüssigkeit der Rede garantiert in keiner Weise die Qualität des Gesagten. Der Gebildete kann auch den größten Unsinn grammatikalisch richtig, zusammenhängend und überzeugend vorbringen. Andere, als bloß rhetorische Fähigkeiten sind erforderlich, um echter Kompetenz Ausdruck zu verleihen." -Irving S. Lee

Die Beschäftigung mit der Sprache ist nicht neu. Logik und Poetik gehören zu den ältesten akademischen Disziplinen. Vom 20. Jahrhundert wird vom Jahrhundert des Atoms gesprochen, aber viel kennzeichnender für unsere Zeit ist der endlose Strom von Worten, der unaufhörlich aus Lautsprechern, Filmen, Zeitungen, Zeitschriften, Büchern, Kanzeln und Rednerpulten quillt und dem sich kaum jemand entziehen kann. Wir könnten unser Jahrhundert daher ebensogut als das Jahrhundert der leeren Worte bezeichnen, denn niemals vorher waren Menschen so unaufhörlich einem andauernden Hagel von Worten ausgesetzt, wie wir heute.

Kaum jemals mußten Menschen im Rahmen ihrer täglichen Arbeit soviel lesen und schreiben, sprechen und zuhören. Es gab selten so viele Organisationen und Sekten, die Erlösung versprachen, die versuchten, Zuhörer anzuziehen, Geschichten in Umlauf brachten und Drucksachen versandten. Auf allen Gebieten, von der Anthropologie bis zur Zoologie, werden ununterbrochen und mit rastlosem Eifer Bücher und Aufsätze geschrieben.

Abgesehen von der Ermüdung, die dieses Worttrommelfeuer bei empfindlicheren Naturen verursachen mag, steht die Quantität des Gesagten außer Frage. Einigermaßen fragwürdig ist jedoch die Qualität des Gesagten und der Wert und der Sinn all der vielen Rederei und Schreiberei. Was können wir gegen die semantische Umweltverschmutzung tun? Wie soll hier die Spreu vom Weizen gesondert werden?

Bis zum heutigen Tage wird nach dem Wesen der Dinge geforscht. Wissen ist dazu da, um eine gewisse Ordnung in unsere Beobachtung zu bringen. Unsere Beobachtungen lehren uns, daß die Welt äußerst vielfältig ist, aber auch, daß in der Vielfalt so etwas wie eine Einheit zu liegen scheint. Jedes Ding ist von jedem anderen verschieden, aber manche Dinge unterscheiden sich mehr, als andere. Folglich gehören manche Dinge irgendwie zusammen, und demnach läßt sich die Welt in Klassen von Dingen einteilen. Dinge derselben Klasse haben einige Merkmale gemeinsam. Die Suche nach dem Wesen eines Dings ist dann die Suche nach dem wichtigsten Merkmal, das die Dinge einer Klasse gemeinsam haben.

Viele Philosophen glaubten, die Entdeckung des Wesens der Dinge verleihe Weisheit. Diese Überzeugung hat sich bis zum heutigen Tage erhalten. Immer noch stellen die Menschen philosophische Fragen nach dem Wesen der Freiheit, der Liebe, des Anarchismus oder etwa der Erziehung. Beachten wir, welche Annahmen solchen Fragen zugrunde liegen. Ihnen liegt die Annahme zugrunde, es müsse in der Welt so etwas wie eine Klasse von Dingen oder eine Klasse von Bedingungen geben, die Freiheit, Herrschaft oder z.B. Gotteslästerung ausmachen.

Im Mittelalter wurde so etwas wie eine Sprachkritik von den Nominalisten unternommen, die eine Richtung innerhalb der scholastischen Philosophie darstellten. Die Nominalisten behaupteten, Gattungsnamen wie Mensch seien nichts als bloße Namen, mit anderen Worten wirkliche "Existenz" könne nur individuellen Menschen, nicht aber der Menschheit zugeschrieben werden. Im Gegensatz zu dieser Denkrichtung stand der sogenannte Realismus. Die Realisten schrieben den Universalbegriffen wie Menschheit eine reale Existenz zu. Einer der hervorragendsten Vertreter des Nominalismus war WILHELM von OCKHAM (1295-1349). Sein Motto "entia non sunt multiplicanda praeter necessitatem" ist unter dem Namen "Ockhams Rasiermesser" bekannt und wird in der modernen Wissenschaftstheorie häufig zitiert. Seine Lehre besagt im Grunde, daß es vermieden werden sollte, Begriffe zu erfinden, wenn man ohne sie auskommen kann. Die Ökonomie des Denkens besteht darin, daß von zwei Erklärungen, die gleicherweise annehmbar sind, die einfachere vorzuziehen ist. Dieser Grundsatz warnt vor hemmungslosen philosophischen Spekulationen, bei denen frischfröhlich neue Begriffe eingeführt werden, die den Eindruck erwecken sollen, als ob tiefe Wahrheiten ausgesprochen würden.

Viele Begriffe, die uns so selbstverständlich erscheinen, beruhen auf einer ganzen Ansammlung von Annahmen, die in keinster Weise bewiesen sind. Unsere ganze Sprache ist von Theorien durchsetzt. Die ganze Logik beruht nur auf der Voraussetzung, daß wir sehr viele Annahmen ungeprüft akzeptieren. Annahmen sind aber keine Erkenntnisse. In der Logik werden bloß Begriffe geschoben. Die Kritik der Sprache nun lenkt die Aufmerksamkeit auf den Prozess und das Umfeld der Begriffsbildung und ist damit eine Kritik des logischen Denkens.

Jeder Mensch geht gewöhnlich von der Grundannahme aus, die er als selbstverständlich voraussetzt: Sprache macht Wirklichkeit sagbar und mitteilbar. Die Sprache gibt die eine Wirklichkeit wieder. Ein einfaches Beispiel zeigt, daß das ein Vorurteil ist:

Betrachten wir den nächtlichen Sternenhimmel. Wer ganz unvorbelastet zu ihm aufblickt, was allerdings fast unmöglich ist, wird viele blinkende, glitzernde, strahlende Dinge sehen. Wer ihn in romantischer Stimmung betrachtet, begreift ihn poetisierend als Himmelszelt und benutzt ihn als Projektionsfläche seiner Wünsche, Hoffnungen und Sehnsüchte. Ein Kapitän auf hoher See dagegen, geschult in Astronomie und Nautik, liest den Himmel als Karte. Der Astronom schließlich, der sich jahrelang mit Kosmologie und Astrophysik beschäftigt hat, sieht auf Grund seines Wissens Sternbilder, Planeten, Fixsterne, er weiß um die Lokalität von schwarzen Löchern und dergleichen mehr. Mit anderen Worten: das jeweilige Interesse läßt den Betrachter einen jeweils anderen nächtlichen Sternenhimmel sehen. Das Interesse schafft also eigene, andere Welten, mit denen zugleich die jeweilige Perspektive des Betrachters zum Ausdruck gebracht ist. Je nach Interesse und Perspektive gegenüber Gegenständen und Sachverhalten fühlen, denken und handeln wir unterschiedlich. Das Interesse und der Zweck, den wir mit einer Sache verbinden, schaffen eine ganz bestimmte eigene Wirklichkeit.

Wie unterschiedlich Wirklichkeiten durch Sprache erzeugt werden, zeigt BENJAMIN LEE WHORF in seinem Buch "Sprache-Denken-Wirklichkeit":

    "Die Hopis nennen Insekten, Flugzeuge und Flieger alle mit dem gleichen Wort und sehen darin keine Schwierigkeit. Uns erscheint diese Klasse zu groß und umfassend, aber nicht anders erscheint den Eskimos unsere Klasse "Schnee". Wir haben nur ein Wort für fallenden Schnee, Schnee auf dem Boden, Schnee, der zu eisartiger Masse zusammengedrückt ist, wässrigen Schnee, windgetriebenen, fliegenden Schnee usw. Für einen Eskimo wäre dieses allumfassende Wort nahezu undenkbar. Er würde sagen, fallender Schnee, wässriger Schnee etc. sind wahrnehmungsmäßig und verhaltensmäßig verschieden, d.h. sie stellen verschiedene Anforderungen an unser Umgehen mit ihnen. Er benützt daher für sie und andere Arten von Schnee verschiedene Wörter."

Am meisten überrascht die Entdeckung, daß einige große Verallgemeinerungen der westlichen Welt, wie z.B. Zeit, Geschwindigkeit und Materie (oder Material) für den Aufbau eines widerspruchsfreien Weltbildes keineswegs wesentlich sind. Die Erfahrungen, die wir unter diesen Titeln klassifizieren, verschwinden deshalb natürlich nicht, vielmehr ist es so, daß Kategorien aus anderen Arten von Erfahrungen ihre Rolle in der Kosmologie übernehmen und offenbar genausogut funktionieren. Das Hopi kann als Sprache ohne Zeitbegriff verstanden werden. Es kennt die psychologische Zeit, aber diese Zeit ist etwas ganz anderes, als die mathematische Zeit unserer Physiker.

Jede Sprache schafft also ihre eigene Wahrheit, aber die Wahrheit keiner Sprache hat den Vorrang. Diese Erkenntnis wurde als Sapir-Whorf-Hypothese bekannt: Es ist durchaus eine Illusion zu meinen, man passe sich der Wirklichkeit im wesentlichen ohne Hilfe der Sprache an und die Sprache sei lediglich ein zufälliges Mittel für die Lösung spezifischer Probleme der Mitteilung und der Reflexion. Tatsächlich wird die "reale Welt" sehr weitgehend unbewußt in Abhängigkeit von den Sprachgewohnheiten unseres Kulturkreises erbaut, der uns gewisse Interpretationen vorweg nahelegt. Die Art der Bildung der Begriffe ist dabei weitgehend eine Zweckmäßigkeitsfrage. Sprache ist nicht neutral.

Jeder, der spricht, konstruiert seine eigene Wirklichkeit. Sprache bestimmt nicht nur unsere Wahrnehmung von Gegenständen und Sachverhalten, sondern strukturiert auch die Art und Weise, wie wir denkend die Welt begreifen. Selbst die einfachste Messung stützt sich auf theoretische Voraussetzungen, Prinzipien, Hypothesen und andere Postulate des Denkens. Alles Messen ist bloße Abstraktion und alles Maß ein Produkt des Denkens. "Schon der Wahrnehmungsprozess ist ein Akt der logischen Typisierung. Masse, Kraft, Äther, Atom, magnetisches oder elektrisches Potential etc. sind theoretische Setzungen und Konstruktionen, darauf gerichtet, das Wahrnehmbare in ein Meßbares und damit in einen Gegenstand der Physik zu verwandeln", so ERNST CASSIRER.

Alle theoretischen Probleme sind als Sprachprobleme zu behandeln, das war die linguistische Wende in der Philosophie. Wir sprechen immer auch über die Sprache, wenn wir über die Dinge sprechen. Wissenschaft stellt möglichst viele Fakten durch möglichst wenig Begriffe dar. Je abstrakter aber die Begriffe werden, umso schwieriger wird die Beantwortung der Frage, welche Vorstellung derjenige, der sie benutzt mit ihnen verbindet. Der Pfiff als solcher bedeutet gar nichts. Erst im Kontext erhält der Ausdruck seinen Wert. Auch ein Begriff als solcher besagt gar nichts.

Wir müssen unterscheiden zwischen dem Baum selbst und unserer Vorstellung vom Baum. Der Begriff Baum ist eine Abstraktion (eine Verallgemeinerung) durch die gewöhnlich ein Holzgewächs mit Wurzeln, Stamm und Verzweigungen, Nadeln oder Blättern. Es gibt aber immer eine Differenz zwischen der allgemeinen Begriffsbildung und der jeweiligen Vorstellung, die ein ganz bestimmter Mensch von einem Baum hat. Das kann eine freistehende Kiefer an einem Berghang sein oder eine knorrige Eiche an einem Waldstück.

Wenn wir von einem Gegenstand sprechen, zum Beispiel von einem Tisch, so meinen wir etwas, das verschieden ist von den Beobachtungen, die wir an dem Tisch machen. Wir können den Tisch sehen, wir können ihn betasten, wir spüren seine Festigkeit, seine Härte, wir empfinden ein Schmerzgefühl, wenn wir uns an ihm stoßen usw. Aber von einem Ding, was außer oder hinter allen diesen Sinnesempfindungen ein selbständiges Dasein führt, wissen wir nichts. Daher ist der Tisch nichts anderes, als ein Komplex derjenigen Sinnesempfindungen, die wir mit dem Wort Tisch verbinden. Nehmen wir alle Sinnesempfindungen fort, so bleibt eigentlich nichts übrig. Die Frage, was ein Tisch in Wirklichkeit ist, hat gar keinen Sinn. Und so ist es mit allen physikalischen Begriffen. Die ganze uns umgebende Welt ist nichts anderes, als der Inbegriff der Erlebnisse, die wir von ihr haben. Ohne dieselben hat die Umwelt keine Bedeutung.

Ein Wort steht für etwas anderes als seinen Laut oder sein Druckbild. Die Verbindung zwischen einem Wort und dem, wofür es steht, ist lediglich eine Sache der gesellschaftlichen Übereinkunft zwischen Menschen, die die gleiche Sprache sprechen. Menschen, die eine andere Sprache sprechen, können in der Regel nicht erraten, was die Worte bezeichnen. Somit sind Wörter Symbole. Die Meinung, daß die Wörter eine wahre Bedeutung haben, ist ein Zeichen von sprachlicher Ahnungslosigkeit. Sie ist dem Glauben einfältiger Gemüter verwandt, daß die Astronomen die wahren Namen der Sterne entdecken.

Der Grundgedanke des sprachkritischen Denkens liegt in dem Umstand, daß wir durch Worte nicht die Wirklichkeit beschreiben können. Tatsachen zu postulieren ist daher unmöglich. Das Problem der Sprache ist, wie das Problem der Logik, ein Problem der Verallgemeinerung. Wörter stehen immer zugleich für eine größere Gruppe von Dingen, die unter dem Kriterium der gemeinsamen, d.h. allgemeinen Merkmale definiert werden. Diese allgemeinen Merkmale sind aber nie objektiv gegeben, sondern werden subjektiv geschaffen, sind also interessenbedingt, d.h. auf Wertvorstellungen bezogen.

Jede Logik beruht auf ihren Voraussetzungen und das sind Werte, keine Tatsachen. Objektiv definiert werden die Dinge an sich. Es gibt aber kein konkretes Ding-an-sich. Dinge an sich sind abstrakt und damit unwirklich. Irrtümer, Mißverständnisse, aber auch Lug und Betrug sind das Ergebnis der bewußten oder unbewußten Verwechslung von Wirklichem und Unwirklichem, zwischen Objektivem und Subjektivem. Das Wort Dummheit könnte auch zur Beschreibung der Unfähigkeit diese Unterscheidung treffen zu können benützt werden.

Zu den wesentlichen sprachkritischen Erkenntnissen gehört die Einsicht, daß es

- keine Wirklichkeit gibt, d.h. es gibt nicht eine einzige Welt, die von allen Menschen gleichermaßen erkennbare Merkmale hätte. Keine Wissenschaft liefert Tatsachen. Es gibt keine Objektivität.

  • keine Wahrheit gibt, d.h. es gibt keine allgemeingültige Wahrheit, nicht die Wahrheit, aus der sich für alle Menschen gleichermaßen zwingende Schlüsse ableiten ließen. Alle Rationalität und Vernunft ist gewissermaßen willkürlich und beruht auf persönlichen Vorlieben.
     
  • keine Freiheit gibt, d.h. keine Freiheit ansich, die als solche existieren würde. Freiheit ist wie Herrschaft oder Gewalt ein Wertbegriff bezogen auf das Wertempfinden eines konkret lebenden Menschen. Wir müssen immer zwischen deiner und meiner z.B. Freiheit unterscheiden, weil es keinen Wert ansich gibt.
     
  • keine Gerechtigkeit gibt, d.h. es gibt kein Recht, das nicht von irgendwelchen Menschen gesetzt wäre. Genausowenig wie es irgendetwas gibt, das nicht von irgendwelchen Menschen gesetzt wäre. Es gibt kein Recht und keine Gerechtigkeit, sondern nur Menschen, die sich auf etwas geeinigt oder nicht geeinigt haben. Die Frage ist immer nur: Wer bestimmt, was wichtig ist und was nicht.
     
  • Wertvorstellungen sind, die unser Denken und Handeln bestimmen, nicht Tatsachen. Wir wissen im Grunde nichts, sondern glauben an bestimmte Werte. Was wir als Moral verstehen ergibt sich aus unseren Wertvorstellungen. Wir können gar nicht anders, als die Dinge moralisch zu betrachten. Jede Objektivität und damit Neutralität ist ein Irrtum.

Diese Einsichten bedeuten eine wesentliche Erleichterung bei der Beurteilung der ungeheuren Menge von Informationen, mit denen wir tagtäglich bombardiert werden. Die Fähigkeit selbständig zu denken und sich eine eigene Meinung bilden zu können gehören zusammen. Beides ist unabdingbare Voraussetzung für das Funktionieren einer Demokratie. Wir halten es für nicht übertrieben zu behaupten, daß unsere Demokratie nicht funktioniert, weil nur ein geringer Teil der Bevölkerung in der Lage ist, Informationen kompetent zu beurteilen. Diesen Umstand versuchen wir durch die Verbreitung sprachkritischen Denkens abzuschaffen.
 

Viel Spaß im Dschungel
werner petschko